Ich verstehe das Buch so, von Gerhard Hüther so: Liebe und Freiheit gehören untrennbar zusammen.
Hüther zeigt, dass echte Freiheit nicht aus Abgrenzung entsteht, sondern aus gelebter Verbundenheit.
Und dass Liebe nur dort lebendig bleibt, wo Menschen frei sein dürfen: innerlich wie äusserlich.
Aus biologischer Sicht beschreibt er, wie unser Gehirn auf Beziehung, Sinn und Entwicklung angelegt ist.
Aus geistiger Perspektive zeichnet er nach, wie unsere Sehnsucht nach Freiheit immer dann krank wird, wenn sie von Liebe getrennt wird und wie Liebe zerstörerisch wird, wenn sie Freiheit verhindern will.
Das Buch ist kein Ratgeber. Es ist mehr eine Einladung, alte innere Bilder von Anpassung, Kontrolle und Angst zu hinterfragen und zu einer Haltung zurückzufinden,
wo wir wieder lebendig werden und Entwicklung möglich bleibt.
Ein Buch über das, was uns im Innersten menschlich macht.
Ein Märchen über Verbundenheit, Autonomie und das, was uns gesund hält
Wenn man Frau Holle mit dem Blick von Gerhard Hüther liest, wird sichtbar, wie zeitlos dieses Märchen ist.
Hüther beschreibt, dass jeder Mensch mit zwei Grundbedürfnissen auf die Welt kommt:
dem Bedürfnis nach Verbundenheit und dem nach Autonomie.
Gesund bleiben wir nur, wenn beide lebendig bleiben.
Genau davon erzählt dieses Märchen Frau Holle
Ein wenig Symbolik 😊
Und man darf es natürlich auch ganz anders sehen!
Der Brunnen ist der Beginn von Entwicklung
Das Mädchen fällt in einen Brunnen.
Das ist kein aktiver Entschluss. Sie fällt einfach
Man könnte sagen
Entwicklung beginnt oft dort, wo unsere gewohnten Vorstellungen nicht mehr tragen.
Der Brunnen ist der Übergang aus der bekannten Welt hinein in einen Raum, in dem Lernen, Umstrukturierung und Wandlung möglich werden.
Brot und Apfelbaum bedeutet echte Verbundenheit
Das Brot will aus dem Ofen.
Der Apfelbaum ist reif.
Das Mädchen hilft weil sie in Beziehung geht.
Hier könnte man sagen:
Unser Gehirn entwickelt sich dort am besten,
wo wir uns verbunden fühlen, ohne uns zu verlieren.
Diese Verbundenheit ist keine Anpassung. Sie ist Resonanz.
Die Frau Holle geht in Beziehung ohne Vereinnahmung
Frau Holle nimmt das Mädchen auf. Sie gibt Struktur, Rhythmus, Aufgabe.
Doch sie bindet nicht.
Sie hält nicht fest.
Hier zeigt sich eine Liebe, von der Hüther spricht:
nicht romantisch, nicht verklärend, sondern eine entwicklungsfördernde Haltung.
Eine Liebe, die Wachstum erlaubt.
Der entscheidende Moment: Die eigene Autonomie
Irgendwann sagt das Mädchen:
„Ich habe Heimweh.“
Und das ist der Schlüsselsatz des Märchens.
Nach Hüther werden Menschen krank, wenn sie in Beziehungen, Rollen oder Vorstellungen verharren, die ihre Entwicklung verhindern.
Gesund ist nicht das Bleiben.
Gesund ist, den inneren Ruf zu hören und ihm folgen zu dürfen.
Frau Holle lässt sie gehen.
Das Gold ist kein Lohn, sondern Folge
Das Gold fällt nicht, weil das Mädchen brav war.
Es fällt, weil sie stimmig gelebt hat:
Das Gehirn belohnt nicht Gehorsam,
sondern Kohärenz – innere Übereinstimmung.
Und wie ist es mit der Pechschwester?
Sie lebt gegen die eigenen Bedürfnisse
Die andere Schwester imitiert das Verhalten.
Aber ohne Beziehung. Ohne innere Beteiligung.
Sie will das Ergebnis ohne den Weg. Autonomie ohne Verbundenheit.
Das Resultat ist Pech. Finde ich ein starkes Bild für ein Leben, das gegen die eigenen Bedürfnisse geführt wird.
Die leise Botschaft des Märchens
Gesundheit entsteht nicht durch Anpassung.
Nicht durch Leistung.
Nicht durch richtige Konzepte.
Sondern dort, wo wir lieben dürfen, ohne uns zu verlieren,
und gehen dürfen, ohne schuldig zu werden.
Vielleicht ist diese Liebe nichts Neues.
Vielleicht ist sie etwas sehr Altes, das wir wiederfinden, wenn wir den Mut haben,
durch unseren eigenen Brunnen zu gehen.
Herzlichen Gruss
Barbara
Bücher über Scham
Sei es zum Verstehen, Heilen und Wandeln
Scham gehört zu den leisesten und zugleich wirkmächtigsten Gefühlen. Sie wirkt oft im Verborgenen, prägt Beziehungen, Selbstbild und Lebensentscheidungen. Die folgenden Bücher nähern sich dem Thema achtsam, verständlich und tiefgehend – als Ratgeber, psychologische Einordnung und teilweise auch mit erzählerischen Zugängen.
Psychologische Sachbücher
Befreiung von Scham und Schuld – Laurence Heller & Angelika Doerne
Ein tiefgehender Ratgeber aus der körper- und traumatherapeutischen Perspektive. Das Buch zeigt, wie frühe Prägungen zu chronischer Scham führen können – und wie Heilung möglich wird.
Geeignet für Menschen, die Scham an der Wurzel verstehen wollen.
Mit Schuld, Scham und Methode – Maren Lammers
Ein praxisnahes Selbsthilfebuch mit klaren Erklärungen, Fallbeispielen und Übungen. Sehr strukturiert und gut nachvollziehbar.
Geeignet für Leser:innen, die konkret mit sich arbeiten möchten.
Die Scham, das geheimnisvolle Gefühl – Wilfried Ehrmann
Ein differenzierter psychologischer Zugang zu Scham: ihre Formen, ihre Schutzfunktion, ihre zerstörerischen Seiten. Ruhig, fundiert und ohne Vereinfachung.
Geeignet für vertiefte psychologische Auseinandersetzung.
Erzählerische & indirekte Zugänge (märchenhaft / symbolisch)
Märchen & Mythen
In klassischen Märchen taucht Scham selten explizit auf – aber symbolisch sehr häufig:
– Ausgrenzung
– Verstoßung
– Unsichtbarkeit
– Verwandlung
Besonders geeignet sind Märchen über Verbannung, Verlust der Stimme, Maskierung oder Rückkehr zur eigenen Gestalt.
Scham zeigt sich hier nicht als Begriff, sondern als Erfahrung.
Wer sich mit Scham beschäftigt, braucht wohl Wissen, Mitgefühl und Zeit.
Diese Bücher eröffnen unterschiedliche Zugänge – rational, therapeutisch, philosophisch und symbolisch. Gemeinsam ist ihnen: Sie laden ein, Scham nicht zu bekämpfen, sondern zu verstehen und zu verwandeln.
Das Märchen von der Frau mit den zwei Mäntel
Das Märchen von der Frau mit den zwei Mänteln erzählt von einer Frau, die zwei Mäntel trug. Den einen kannte jeder. Er war gut geschnitten und unauffällig und passte zu den Menschen, die sie schon lange kannten. In ihm bewegte sie sich sicher, auch wenn er an manchen Tagen zu eng wurde. Der zweite Mantel war weicher. Er hatte keine klaren Nähte und änderte seine Farbe je nach Nähe. In ihm liebte sie frei. Aber sie trug ihn nur dort, wo keine Zeugen standen. Eines Tages merkte sie, dass sie müde wurde vom Wechseln. Nicht, weil sie sich schämte, sondern weil ihr Körper langsamer war als die Geschichten der anderen. Also ging sie zu einer alten Weberin am Waldrand und fragte, welchen Mantel sie behalten solle. Die Weberin lächelte und sagte: Keinen. Sie nahm beide Mäntel, löste vorsichtig die Nähte und webte daraus einen neuen. Er war nicht spektakulär, aber er wärmte. Als die Frau ihn anzog, verspürte sie zum ersten Mal keinen Drang mehr, sich umzudrehen, wenn Schritte hinter ihr erklangen. Manche Menschen sahen sie an und erkannten sie wieder. Andere erkannten sie nicht. Beides war in Ordnung. Denn der Mantel war nicht gemacht, um verstanden zu werden, sondern um bewohnt zu sein. Und so ging die Frau weiter. Nicht erklärend. Nicht kämpfend. Einfach gehend.
In diesem Märchen lassen sich drei archetypische Symbole erkennen, die eine tiefere Bedeutung tragen. Die Weberin ist kein Mensch, sie ist eine Schwelle. Sie lebt am Waldrand, nicht im Dorf und nicht im Wald. Sie steht dort, wo alte Ordnungen enden und neue noch keinen Namen haben. Psychologisch ist sie die innere weise Instanz, der Teil, der nicht mehr überzeugen muss, die Stimme jenseits von Rechtfertigung. Wichtig ist, dass die Weberin nichts für die Frau entscheidet. Sie nimmt ihr keine Wahl ab. Sie sagt nicht, dieser Mantel sei richtig, sondern beide haben gedient, jetzt wird gewebt. Das ist Reife. Nicht wählen zwischen Gegensätzen, sondern integrieren.
Der Mantel selbst ist kein Schutz vor anderen, sondern Nähe zu sich. Der neue Mantel ist unspektakulär, und genau das ist entscheidend. Er macht nicht sichtbar, er macht bewohnbar. Symbolisch bedeutet das kein inneres Umschalten mehr, keine Rollenwechsel je nach Publikum und keine Erklärungspflicht. Der Mantel sagt: Ich bin hier, unabhängig davon, wer zuschaut. Darum schaut sich die Frau nicht mehr um, wenn Schritte hinter ihr sind. Nicht aus Mut, sondern aus Gegenwärtigkeit.
Der Wald steht für das Ungeordnete, das Wahre, das Lebendige. Er verkörpert Mehrdeutigkeit, Begehren ohne Etikett, Identität in Bewegung und das Leben jenseits sozialer Kategorien. Der Wald ist nicht gefährlich, aber er ist nicht kontrollierbar. Darum gehen Menschen nur ungern hinein und bleiben lieber im Dorf der Eindeutigkeiten. Die Frau jedoch wohnt nicht im Wald und gehört ihm nicht exklusiv. Sie kann ihn betreten und zurückkehren. Das ist Freiheit. Nicht Flucht aus der Welt, sondern Beweglichkeit zwischen Räumen.
Die verborgene Botschaft des Märchens ist leise und klar. Scham löst sich nicht, weil die Welt sich ändert. Sie löst sich, weil die Frau aufhört, sich innerlich zu zerlegen. Nicht mehr die Frage, was zeige ich wem, sondern: Wo stehe ich gerade und bleibe ich dort.
Und wie geht es dir mit der Scham. Im Märchenseminar schauen wir uns immer wieder die verborgenen Botschaften der Märchen an.
Wenn du dabei sein möchtest, melde dich einfach an. Wir freuen uns auf dich und auf deine inneren verborgenen Weisheiten.
Herzlichen Gruss
Barbara Prinzing
Seine Reise führt ihn durch Landschaften, die äußerlich rau und innerlich spiegelnd sind:
ein stiller Mönch in den Bergen,
ein alter Hirte, der mehr hört als spricht,
und eine Frau, die ihm zeigt, wie viel Mut im Schweigen liegt.
Doch die eigentliche Bewegung passiert in ihm selbst:
Er lernt, seine innere Unruhe als Wegweiser zu begreifen.
Er entdeckt, dass Stille kein Nichts ist, sondern ein Raum, in dem man endlich sich selbst begegnet.
Und er versteht, dass die Antworten, nach denen er suchte, nie im Außen lagen – sondern im Leisen, das er jahrelang überhört hat.
Viel Freude beim Lesen
Barbara
Das Buch gibt es überall zu kaufen, wie ich gesehen habe 🙂
Das Schweigen der Tiere
Russisches Volksmärchen (Afanasjew)
Einst beschlossen die Tiere des Waldes, wer von ihnen der Klügste sei.
Alle redeten durcheinander: der Bär brummte, der Fuchs schimpfte, der Wolf heulte, die Elster schrie.
Keiner hörte dem anderen zu.
Da trat die kleine Schildkröte vor ganz langsam, fast unbeachtet und sagte nur einen Satz:
„Lasst uns schweigen.“
Die Tiere lachten sie aus.
Doch die Schildkröte blieb still.
Und nach einer Weile verstummten auch die anderen zuerst ungeduldig, dann neugierig, dann friedlich.
Im Schweigen hörten sie plötzlich,
wie der Wind durch die Bäume ging,
wie das Wasser im Bach sang,
wie ihre eigenen Herzen schlugen.
Und sie spürten, was sie vergessen hatten:
Den Wald.
Sich selbst.
Und einander.
Als sie wieder zu sprechen begannen,
hörten sie einander erstmals wirklich zu.
Seitdem so heißt es kehrt der Wald jedes Jahr für einen Augenblick in diese tiefe Stille zurück.
Und wer in dieser Zeit lauscht, findet Antworten, die sonst verborgen bleiben.
Was zeigt uns das Märchen
Das Märchen zeigt, wie Lärm, Meinungen und innere Unruhe verhindern, dass wir uns selbst und die Welt wahrnehmen.
Erst im Schweigen entsteht Kontakt: zur Umgebung, zu den eigenen Gefühlen, zu den anderen.
Die Schildkröte steht für das langsamer Werden, das wir im Alltag verlernen.
Und die Stille wird hier zum Katalysator für Bewusstsein. Sie macht klar, was das Denken im Lärm überdeckt.
Das Märchen erinnert: Wir müssen nicht mehr wissen m wir müssen nur ruhiger werden, um wieder zu hören, was bereits da ist.
Zwei Symbole die ich kurz deuten möchte (Kann auch ganz anders sein )
Symbol für innere Reife, Erdung und Selbstschutz.
Sie zeigt: Weisheit ist nicht laut.
Sie entsteht, wenn wir uns zurückziehen, atmen, Verbindungen spüren.
Die Schildkröte ist die „Lehrerin des Langsamen“
Symbol für das Unbewusste.
Wenn die Tiere (unsere inneren Stimmen, Impulse, Ängste) verstummen, wird der Wald wieder hörbar.
Das bedeutet: Im Schweigen wird der Zugang zu tieferen Schichten frei zur Intuition, Erinnerung, Klarheit.
Viel Freude beim Lesen des Märchens
Barbara Prinzing
von Astrid Lindgren
Wenn ich Weihnachten in Bullerbü aufschlage, dann öffnet sich eine kleine, heile Welt. Eine Welt, die nach Schnee und Lebkuchen riecht, in der die Fenster mit Sternen geschmückt sind und golden leuchten und Kinder barfuß durch ihre Träume stapfen, obwohl draussen der Frost knistert. Schon nach den ersten Seiten bin ich mitten im schwedischen Dorf Bullerbü, wo Lisa, Lasse, Bosse und die anderen Kinder mit einer Natürlichkeit leben, die heute fast märchenhaft wirkt.
Astrid Lindgren schaffte es immer wider mich an der Hand zu nehmen und sagen: Schau, so einfach kann Glück sein. Ein Schlitten, ein Lachen, eine brennende Kerze, mehr braucht es nicht, um die Welt für einen Moment zum Leuchten zu bringen.
Beim Lesen spüre ich die Wärme, die in dieser Geschichte mitschwingt. Sie kommt nicht aus grossen Gesten, sondern aus den kleinen Dingen: wenn die Kinder gemeinsam den Weihnachtsbaum schmücken, heimlich Geschenke basteln, die Eltern überraschen. Alles geschieht ohne Hast, ohne Perfektionismus. Weihnachten ist hier kein Konsumfest, sondern ein Zusammenrücken. Man spürt, wie stark Gemeinschaft trägt, wie selbstverständlich Geborgenheit entsteht, wenn Menschen sich umeinander kümmern.
Die Illustrationen verstärken dieses Gefühl. Sie sind schlicht, freundlich und offen, eben wie die Gesichter der Kinder selbst. Jede Zeichnung ist wie ein Fenster in eine stille, fröhliche Welt, in der der Schnee fällt, als wäre er extra für dieses Buch gemacht.
Ich lese Weihnachten in Bullerbü nicht nur als Kinderbuch, sondern auch als Erinnerung an etwas, das wir Erwachsene manchmal verlieren: die Fähigkeit, uns zu freuen, ohne Grund. Das Staunen über das Einfache. Das Vertrauen, dass ein Wintertag hell sein kann, auch wenn die Sonne früh untergeht.
Für Kinder ist das Buch ein Fest der Neugier, sie sehen, riechen und fühlen Weihnachten. Für Erwachsene ist es fast wie ein Spiegel: Es zeigt, wonach wir uns sehnen, wenn wir sagen, wir wollen „ein ruhiges, schönes Fest“.
Und so schliesse ich das Buch jedes Mal mit einem leisen Lächeln. Weihnachten in Bullerbü ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Einladung: das eigene Leben wieder ein bisschen bullerbühaft zu machen: einfacher, wärmer, echter.
Barbara
Kaufen kannst du das Buch bei Orell Füssli, Amazon, und in jeder Buchhandlung und vielleicht ist es sogar in deinem Bücherregal 🙂
#Weihnachten in Bullerbü
Es war einmal ein junges Entlein, das schon bei seiner Geburt auffiel und zwar negativ, weil es nicht so war wie die anderen.
Sein Gefieder war nicht so schön wie das seiner Geschwister. Sein Schnabel schien zu groß, sein Gang zu unbeholfen.
Schon früh bekam es zu spüren: „Mit dir stimmt etwas nicht.“
Die eigenen Geschwister stießen es zur Seite. Fremde Tiere zischten, hackten oder lachten. Und die Menschen?
Sie drehten sich einfach weg.
Das Entlein tat, was viele von uns tun, wenn wir Ablehnung erfahren:
Es versuchte, sich anzupassen.
Es watschelte so wie die anderen, versuchte das gleiche Futter zu mögen, bewegte sich so leise und unauffällig wie möglich.
Doch egal, was es versuchte das Gefühl „Du bist falsch“ blieb.
Der Schmerz wurde groß.
Also tat das Entlein das Einzige, was ihm blieb: Es ging weg.
Weg von den anderen, weg vom vertrauten Teich, hinein ins Ungewisse.
Der Winter der Einsamkeit
Der Weg war lang, und der Winter kam.
Kälte, Hunger, Stürme das Entlein kämpfte ums Überleben.
Es war allein, ohne Trost und ohne zu wissen, wohin.
Manchmal wünschte es sich, einfach nicht mehr weiterzumachen.
Doch etwas in ihm, ein leises, unerschütterliches „Trotzdem“ – trieb es an.
Vielleicht war es nicht die Hoffnung, vielleicht war es nur die Weigerung, jetzt schon aufzugeben.
Das Loslassen
Eines Frühlingstages geschah etwas Merkwürdiges.
Das Entlein hörte auf, sich zu vergleichen.
Es kämpfte nicht mehr darum, jemand zu sein, den andere akzeptieren.
Es schwamm einfach ohne Plan, ohne Ziel, nur weil es das Wasser liebte.
Und da, im klaren Wasser eines stillen Sees, sah es ein Spiegelbild.
Doch das Spiegelbild war nicht das eines plumpen, grauen Vogels.
Es war ein Schwan, mit schneeweißem Gefieder und anmutiger Haltung.
Und da begriff es: Es war nie ein Entlein gewesen. Es hatte nur geglaubt, eins zu sein, weil alle um es herum das sagten.
Die Botschaft für uns:
Dieses Märchen von Hans Christian Andersen ist nicht nur eine Geschichte für Kinder.
Es erzählt uns etwas zutiefst Menschliches:
1. Ablehnung sagt oft mehr über die anderen als über dich.
Wenn du nicht ins Bild passt, das andere gewohnt sind, werden sie dich vielleicht ablehnen, nicht, weil du „falsch“ bist, sondern weil sie nur das kennen, was ihnen vertraut ist.
2. Anpassung hat Grenzen.
Du kannst deine Flügel stutzen, dich kleiner machen, leiser reden.
Aber wenn du dafür deine Natur verleugnest, verlierst du dich selbst.
Anpassung kann kurzfristig helfen, langfristig kostet sie dich Freiheit und Lebenskraft.
3. Die Reise zu dir selbst geht oft durch Einsamkeit.
Manchmal musst du Orte, Gruppen oder Situationen verlassen, die dir nicht guttun, auch wenn das heißt, eine Zeit lang allein zu sein.
Diese „Winterphasen“ fühlen sich kalt und karg an, aber sie sind oft der Boden, auf dem neues Selbstvertrauen wächst.
4. Ankommen geschieht im Loslassen.
Der Schwan fand seine wahre Natur nicht durch angestrengtes Suchen, sondern indem er aufhörte, sich zu wehren.
Manchmal entdecken wir unser wahres Wesen, wenn wir aufhören, uns ständig zu fragen, wie wir wirken und stattdessen einfach leben.
Eine Übung zur Selbstannahme
Wenn dich diese Geschichte berührt, probiere Folgendes:
Dein „Entlein-Moment
Schreibe auf, wann du dich zuletzt fehl am Platz gefühlt hast. Wer war dabei? Was wurde gesagt oder getan?
Was hast du getan, um dich anzupassen?
Hast du dich zurückgenommen, deine Meinung nicht gesagt, deine Art verändert?
Dein „Schwanenblick“
Frage dich: Was könnte an mir nicht „falsch“, sondern einfach „anders“ sein?
Ein kleiner Schritt
Überlege, wo du heute einen kleinen Moment lang einfach „so sein“ könntest, wie du bist, ohne dich zu verstellen.
Fazit
Das Märchen vom hässlichen jungen Entlein zeigt uns:
Wahre Selbstannahme ist kein Schönreden, sondern das mutige Erkennen der eigenen Natur, selbst wenn die Umgebung sie nicht versteht.
Und manchmal heißt das, eine Zeit lang durchs eigene Winterland zu gehen, um dann am Seeufer zu stehen und zu sagen: „Ich war nie ein Entlein. Ich bin ein Schwan.“
Viele Freude beim Lesen
Barbara Prinzing
Manchmal sind es nicht die großen Veränderungen, die uns tragen, sondern Handlungen, die wir regelmäßig wiederholen. Sie geben uns Halt, erinnern uns an unseren Wert, auch dann, wenn im Außen vieles rüttelt.
Die folgenden drei Übungen sind einfache, aber wirksame Möglichkeiten, um dir selbst näher zu kommen, dich anzunehmen und dir Geborgenheit zu schenken.
1. Spiegelübung der Selbstannahme
Setz dich für drei Minuten vor einen Spiegel. Nicht, um zu prüfen, ob deine Haare liegen oder ob du „gut aussiehst“. Sondern, um dir selbst wirklich zu begegnen.
Schau dir in die Augen, nicht auf die Nase, nicht auf die Fältchen, sondern direkt in dieses lebendige Leuchten, das dich begleitet, seit du auf der Welt bist. Es kann sich am Anfang ungewohnt anfühlen, vielleicht sogar unangenehm. Bleib trotzdem da.
Sprich laut die Worte:
„Ich sehe dich. Ich bin da. Du darfst sein, wie du bist.“
Du sagst das nicht, um dich zu verbessern oder zu optimieren. Du sagst es, um dir selbst die Hand zu reichen. Diese Minuten sind ein stiller Schwur: Ich lasse dich nicht im Stich. Je öfter du diese Übung machst, desto mehr wirst du spüren, dass dein innerer Blick weicher wird – und vielleicht sogar liebevoller.
2. Das kleine Nein umarmen
Im Alltag stoßen wir oft auf Situationen, in denen sich in uns ein kleines Nein regt. Manchmal ist es klar: „Nein, das möchte ich nicht tun.“ Manchmal ist es nur ein diffuses Gefühl, ein inneres Zusammenzucken, ein Rückzug.
Nimm dir einen Moment, um dieses Nein aufzuschreiben. Notiere die Situation, in der es auftauchte – ob du es ausgesprochen hast oder nicht. Dann stell dir schriftlich die Fragen:
„Was hat es in mir berührt? Woher kenne ich dieses Gefühl?“
Vielleicht führt dich die Antwort zu einer Erinnerung, zu einem alten Schmerz, zu einem Moment, in dem du dich unverstanden gefühlt hast. Schreib dann eine Antwort zurück an dich selbst, so, als würdest du einem Kind schreiben, das verletzt wurde. Sanft, zugewandt, ohne zu urteilen.
Diese Übung verwandelt das Nein von einer starren Abwehr in eine Botschaft, die gehört werden will. Du wirst merken, dass hinter vielen Neins nicht Ablehnung, sondern Schutzbedürfnis steckt und dass du heute für dich sorgen kannst.
3. Der sichere innere Ort
Manchmal ist es nicht möglich, im Außen sofort Sicherheit zu finden. Aber in dir gibt es die Möglichkeit, einen Ort zu gestalten, an dem du dich jederzeit geborgen fühlen kannst.
Schließ die Augen und stell dir diesen Ort so lebendig wie möglich vor. Vielleicht ist es eine kleine Hütte am Waldrand, ein Garten voller Blumen, eine Höhle am Meer oder ein Zimmer, in dem du dich vollkommen wohl fühlst. Achte auf Details: den Geruch, das Licht, die Geräusche.
Besuch diesen Ort bewusst, wenn du dich abgelehnt oder verunsichert fühlst. Stell dir vor, wie du die Schwelle überschreitest und dich niederlässt. Dort musst du nichts leisten, nichts beweisen. Hier bist du einfach willkommen. Mit der Zeit wird dieser innere Ort zu einer verlässlichen Zuflucht, die dich durch schwierige Momente trägt.
Warum diese drei Übungen wirken
Alle drei Rituale haben eines gemeinsam: Sie holen dich zu dir zurück.
Die Spiegelübung verbindet dich mit deinem jetzigen Selbst, ohne Bedingungen.
Das kleine Nein schenkt dir Verständnis für deine inneren Grenzen und Verletzungen.
Der sichere innere Ort erinnert dich daran, dass Geborgenheit nicht immer von außen kommen muss, sondern auch in dir wachsen kann.
Diese Rituale brauchen keine große Vorbereitung, keine besondere Ausrüstung. Nur dich und die Bereitschaft, dir selbst Raum zu geben. Wenn du sie regelmäßig übst, werden sie zu stillen Ankern im Alltag. Und vielleicht merkst du eines Tages, dass das, was du gesucht hast, schon lange in dir war.
Viele Freude beim üben und neues an sich selber entdecken
Wenn die Diagnose das Problem ist …
In dem Märchen „Die unsinnige Diagnose“ erhält ein Mensch eine absurde, scheinbar professionelle Einschätzung – und merkt schnell: Die Diagnose sagt mehr über den „Experten“ aus als über ihn selbst.
Ein heilsamer Denkanstoß, der zeigt:
Nicht jedes Etikett hilft.
Nicht jedes Urteil heilt.
Manchmal braucht es nur: gesunden Menschenverstand, ehrliche Zuwendung – und Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Märchen wie dieses laden ein zum Innehalten.
Und sie erinnern uns daran, wie befreiend es sein kann, sich nicht vorschnell definieren zu lassen.
Immer wieder mal mit dem Herzen hinspüren
Herzlichst
Barbara Prinzing
#Die unsinnige Diagnose