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7
März

Der König ohne Krone und die Frau mit dem Kompass

Der König ohne Krone und die Frau mit dem Kompass

Es war einmal ein König, und er glaubte, das Einzige, was zählt, ist zu entscheiden.
Er hatte ein ordentliches Reich und gerade Strassen, und seine Befehle waren ganz klar.

Doch irgendwie war es kalt und still geworden, denn die Menschen hatten das Fühlen verlernt, da sie niemand mehr danach fragte.

Eines Tages kam eine Frau von nirgendwoher ins Land. Das Einzige, was sie bei sich trug, war ein Kompass.

Der König fragte sie:
„Wohin zeigt dieser Kompass?“

Die Frau lächelte.
„Nicht nach Norden. Er zeigt nach innen.“

Der König verstand überhaupt nichts.

Doch die Frau begann, mit den Menschen auf eine besondere Art zu sprechen.
Sie hörte zu. Sie stellte Fragen.

Und plötzlich geschah etwas Merkwürdiges:
Die Menschen begannen wieder zu lachen.
Sie begannen, Ideen zu haben.
Und sie begannen, dem König Dinge zu sagen, die sie sich früher nie getraut hätten.

Der König wurde zuerst richtig wütend, doch dann wurde er neugierig.

Eines Abends setzte er sich zu der Frau.
„Was machst du anders als ich?“, fragte er.

Die Frau sagte:
„Du führst mit deinem Schwert. Ich führe mit meinem Ohr.“

Der König schwieg lange.

Dann sagte er:
„Vielleicht braucht ein Reich beides.“

Von diesem Tag an traf der König Entscheidungen –
aber erst, nachdem er zugehört hatte.

Und die Frau stellte Fragen –
aber immer mit dem Mut, auch eine Richtung zu zeigen.

So entstand im Land eine neue Art der Führung.
Nicht mehr die des Königs allein.
Und nicht die der Frau allein.

Sondern die von zwei Kräften, die zusammen stärker waren als jede Krone.

Bei den Brüdern Grimm gibt es den Eisenhans, der dieses Thema erstaunlich gut beschreibt.

In diesem Märchen wird ein wilder Mann im Wald gefangen – der Eisenhans.
Er verkörpert das rohe, ungebändigte Yang: Kraft, Wildheit, Instinkt.

Er wird befreit und macht sich auf die Reise, wo er etwas Entscheidendes lernt, um zu überleben.

Auf dieser Reise lernt er etwas Entscheidendes:
Er muss beide Kräfte in sich entwickeln.

Die Kraft des Eisenhans – Mut, Handlung, Durchsetzung.
Und zugleich das Dienende, Geduldige, Hörende.

Er arbeitet zuerst als Gärtner – eine sehr Yin-hafte Tätigkeit.
Er pflegt, wartet, beobachtet.

Erst später wird er zum Ritter und zum König.

Das Märchen zeigt etwas sehr Schönes:
Ein wahrer König entsteht nicht durch Geburt oder Macht.

Er entsteht durch innere Reifung.

Und diese Reifung geschieht erst, wenn der Mensch lernt, mit den unterschiedlichen Kräften seiner Seele zu leben.

Viel Freude beim Lesen

Der König ohne Krone und die Frau mit dem Kompass / frei erfunden

7
März

Helene Lange

Helene Lange

 

Letzthin bin ich einem Satz begegnet, der nachgewirkt hat.

So ein Satz ist dieser von Helene Lange:
„Wenn das Endziel der Frauenbewegung einmal erreicht ist, so wird es kein führendes Geschlecht mehr geben, sondern nur noch führende Persönlichkeiten.“

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass er eigentlich gar nicht nur politisch gemeint ist. Ich meine, er berührt doch auch etwas Tieferes. Etwas, das mit der menschlichen Psyche zu tun hat, mit unserer inneren Ordnung.

Denn vielleicht geht es gar nicht wirklich um Männer und Frauen.
Vielleicht mehr um die Frage, wie ein Mensch in sich selbst geworden ist.

In der chinesischen Philosophie gibt es das Bild von Yin und Yang. Zwei Kräfte, die oft missverstanden werden. Viele denken dabei an Gegensätze, an ein Entweder-Oder. Doch in Wahrheit beschreibt dieses Symbol etwas viel Feineres: eine Bewegung. Ein Gleichgewicht. Ein lebendiges Zusammenspiel.

Yin steht für das Empfangende, das Zuhörende, das Verbindende.
Yang für das Klärende, das Entscheidende, das Richtungsgebende.

Keine dieser Kräfte ist besser als die andere. Und keine kann ohne die andere wirklich sein und wirken.

Wenn nur Yang da ist, wird Führung hart und kalt.
Wenn nur Yin da ist, fehlt die Richtung.

Erst wenn beide Kräfte zusammenkommen, entsteht etwas, das wir oft intuitiv spüren, wenn wir einem Menschen begegnen: innere Reife.

Ich weiss nicht, ob Helene Lange das auch so gesehen hat.
Dass eine Gesellschaft nicht dadurch reifer wird, dass ein Geschlecht das andere ablöst. Sondern dadurch, dass Menschen lernen, beide Kräfte in sich selbst zu entwickeln.

Die Geschichte der Menschheit war lange stark vom Yang geprägt – von Durchsetzung, Hierarchie, Eroberung, Macht. Die Frauenbewegung hat begonnen, das Gleichgewicht zu verschieben. Sie hat Räume geöffnet für andere Formen von Stärke: Beziehung, Wahrnehmung, Fürsorge, Intuition.

Vielleicht ist der eigentliche nächste Schritt gar nicht mehr der Kampf zwischen den Geschlechtern.

Eher, dass Männer beginnen, ihr Yin zu entdecken.
Und Frauen ihr Yang nicht mehr verstecken müssen.

Dann verändert sich meiner Meinung nach etwas Entscheidendes.

Dann geht es plötzlich nicht mehr darum, wer führt.
Sondern wie ein Mensch führt.

Ob jemand zuhören kann und trotzdem entscheidet.
Ob jemand klar sein kann, ohne hart zu werden.
Ob jemand Verantwortung tragen kann, ohne die Verbindung zu verlieren.

Für mich wirken solche Menschen ganz unspektakulär. Und doch merkt man sofort, wenn sie in einem Raum sind. Da ist eine Ruhe. Eine innere Ausrichtung. Etwas, das nicht aus Rolle oder Position entsteht, sondern aus Persönlichkeit.

Vielleicht ist das die Welt, die Helene Lange gemeint hat.

Wer weiss das schon – und wie siehst du es?

Und hier noch 2 Märchen die dazu passen

Viel Freude beim Lesen
Barbara

24
Jan.

Die Freiheit ist ein Kind der Liebe

Die Freiheit ist ein Kind der Liebe

 

Ich verstehe das Buch so, von  Gerhard Hüther so: Liebe und Freiheit gehören untrennbar zusammen.

Hüther zeigt, dass echte Freiheit nicht aus Abgrenzung entsteht, sondern aus gelebter Verbundenheit.
Und dass Liebe nur dort lebendig bleibt, wo Menschen frei sein dürfen: innerlich wie äusserlich.

Aus biologischer Sicht beschreibt er, wie unser Gehirn auf Beziehung, Sinn und Entwicklung angelegt ist.
Aus geistiger Perspektive zeichnet er nach, wie unsere Sehnsucht nach Freiheit immer dann krank wird, wenn sie von Liebe getrennt wird und wie Liebe zerstörerisch wird, wenn sie Freiheit verhindern will.

Das Buch ist kein Ratgeber. Es ist mehr eine Einladung, alte innere Bilder von Anpassung, Kontrolle und Angst zu hinterfragen und zu einer Haltung zurückzufinden,
wo wir wieder lebendig werden und Entwicklung möglich bleibt.

Ein Buch über das, was uns im Innersten menschlich macht.

24
Jan.

Frau Holle

Frau Holle

Ein Märchen über Verbundenheit, Autonomie und das, was uns gesund hält

Wenn man Frau Holle mit dem Blick von Gerhard Hüther liest, wird sichtbar, wie zeitlos dieses Märchen ist.

Hüther beschreibt, dass jeder Mensch mit zwei Grundbedürfnissen auf die Welt kommt:
dem Bedürfnis nach Verbundenheit und dem nach Autonomie.
Gesund bleiben wir nur, wenn beide lebendig bleiben.

Genau davon erzählt dieses Märchen Frau Holle

Ein wenig Symbolik 😊
Und man darf es natürlich auch ganz anders sehen!

Der Brunnen  ist der Beginn von Entwicklung

Das Mädchen fällt in einen Brunnen.
Das ist kein aktiver Entschluss. Sie fällt einfach

Man könnte sagen
Entwicklung beginnt oft dort, wo unsere gewohnten Vorstellungen nicht mehr tragen.
Der Brunnen ist der Übergang aus der bekannten Welt hinein in einen Raum, in dem Lernen, Umstrukturierung und Wandlung möglich werden.

Brot und Apfelbaum  bedeutet echte Verbundenheit

Das Brot will aus dem Ofen.
Der Apfelbaum ist reif.

Das Mädchen hilft weil sie in Beziehung geht.

Hier könnte man sagen:
Unser Gehirn entwickelt sich dort am besten,
wo wir uns verbunden fühlen, ohne uns zu verlieren.

Diese Verbundenheit ist keine Anpassung. Sie ist Resonanz.

Die Frau Holle  geht in Beziehung ohne Vereinnahmung

Frau Holle nimmt das Mädchen auf. Sie gibt Struktur, Rhythmus, Aufgabe.

Doch sie bindet nicht.
Sie hält nicht fest.

Hier zeigt sich eine Liebe, von der Hüther spricht:
nicht romantisch, nicht verklärend, sondern eine entwicklungsfördernde Haltung.

Eine Liebe, die Wachstum erlaubt.

Der entscheidende Moment: Die eigene Autonomie

Irgendwann sagt das Mädchen:

„Ich habe Heimweh.“

Und das ist der Schlüsselsatz des Märchens.

Nach Hüther werden Menschen krank, wenn sie in Beziehungen, Rollen oder Vorstellungen verharren, die ihre Entwicklung verhindern.

Gesund ist nicht das Bleiben.
Gesund ist, den inneren Ruf zu hören und ihm folgen zu dürfen.

Frau Holle lässt sie gehen.

Das Gold  ist kein Lohn, sondern Folge

Das Gold fällt nicht, weil das Mädchen brav war.
Es fällt, weil sie stimmig gelebt hat:

  • verbunden
  • anwesend
  • eigenständig
  • wahrhaftig

Das Gehirn belohnt nicht Gehorsam,
sondern Kohärenz – innere Übereinstimmung.

Und wie ist es mit der Pechschwester?

Sie lebt gegen die eigenen Bedürfnisse

Die andere Schwester imitiert das Verhalten.
Aber ohne Beziehung. Ohne innere Beteiligung.

Sie will das Ergebnis ohne den Weg. Autonomie ohne Verbundenheit.

Das Resultat ist Pech. Finde ich ein starkes Bild für ein Leben, das gegen die eigenen Bedürfnisse geführt wird.

Die leise Botschaft des Märchens

Gesundheit entsteht nicht durch Anpassung.
Nicht durch Leistung.
Nicht durch richtige Konzepte.

Sondern dort, wo wir lieben dürfen, ohne uns zu verlieren,
und gehen dürfen, ohne schuldig zu werden.

Vielleicht ist diese Liebe nichts Neues.
Vielleicht ist sie etwas sehr Altes, das wir wiederfinden, wenn wir den Mut haben,
durch unseren eigenen Brunnen zu gehen.

Ich freue mich, wenn ihr dabei seid an unseren Märchenabenden, wo wir immer wieder neue Themen anschauen.

Herzlichen Gruss
Barbara 

24
Jan.

Scham

Scham

Bücher über Scham

Sei es zum Verstehen, Heilen und Wandeln

Scham gehört zu den leisesten und zugleich wirkmächtigsten Gefühlen. Sie wirkt oft im Verborgenen, prägt Beziehungen, Selbstbild und Lebensentscheidungen. Die folgenden Bücher nähern sich dem Thema achtsam, verständlich und tiefgehend – als Ratgeber, psychologische Einordnung und teilweise auch mit erzählerischen Zugängen.

Psychologische Sachbücher

Befreiung von Scham und Schuld – Laurence Heller & Angelika Doerne
Ein tiefgehender Ratgeber aus der körper- und traumatherapeutischen Perspektive. Das Buch zeigt, wie frühe Prägungen zu chronischer Scham führen können – und wie Heilung möglich wird.
Geeignet für Menschen, die Scham an der Wurzel verstehen wollen.

Mit Schuld, Scham und Methode – Maren Lammers
Ein praxisnahes Selbsthilfebuch mit klaren Erklärungen, Fallbeispielen und Übungen. Sehr strukturiert und gut nachvollziehbar.
Geeignet für Leser:innen, die konkret mit sich arbeiten möchten.

Die Scham, das geheimnisvolle Gefühl – Wilfried Ehrmann
Ein differenzierter psychologischer Zugang zu Scham: ihre Formen, ihre Schutzfunktion, ihre zerstörerischen Seiten. Ruhig, fundiert und ohne Vereinfachung.
Geeignet für vertiefte psychologische Auseinandersetzung.

Erzählerische & indirekte Zugänge (märchenhaft / symbolisch)

Märchen & Mythen
In klassischen Märchen taucht Scham selten explizit auf – aber symbolisch sehr häufig:
– Ausgrenzung
– Verstoßung
– Unsichtbarkeit
– Verwandlung

Besonders geeignet sind Märchen über Verbannung, Verlust der Stimme, Maskierung oder Rückkehr zur eigenen Gestalt.
Scham zeigt sich hier nicht als Begriff, sondern als Erfahrung.

Wer sich mit Scham beschäftigt, braucht wohl Wissen, Mitgefühl und Zeit.
Diese Bücher eröffnen unterschiedliche Zugänge – rational, therapeutisch, philosophisch und symbolisch. Gemeinsam ist ihnen: Sie laden ein, Scham nicht zu bekämpfen, sondern zu verstehen und zu verwandeln.

24
Jan.

Das Märchen von der Frau mit den zwei Mäntel

Das Märchen von der Frau mit den zwei Mäntel

Das Märchen von der Frau mit den zwei Mänteln erzählt von einer Frau, die zwei Mäntel trug. Den einen kannte jeder. Er war gut geschnitten und unauffällig und passte zu den Menschen, die sie schon lange kannten. In ihm bewegte sie sich sicher, auch wenn er an manchen Tagen zu eng wurde. Der zweite Mantel war weicher. Er hatte keine klaren Nähte und änderte seine Farbe je nach Nähe. In ihm liebte sie frei. Aber sie trug ihn nur dort, wo keine Zeugen standen. Eines Tages merkte sie, dass sie müde wurde vom Wechseln. Nicht, weil sie sich schämte, sondern weil ihr Körper langsamer war als die Geschichten der anderen. Also ging sie zu einer alten Weberin am Waldrand und fragte, welchen Mantel sie behalten solle. Die Weberin lächelte und sagte: Keinen. Sie nahm beide Mäntel, löste vorsichtig die Nähte und webte daraus einen neuen. Er war nicht spektakulär, aber er wärmte. Als die Frau ihn anzog, verspürte sie zum ersten Mal keinen Drang mehr, sich umzudrehen, wenn Schritte hinter ihr erklangen. Manche Menschen sahen sie an und erkannten sie wieder. Andere erkannten sie nicht. Beides war in Ordnung. Denn der Mantel war nicht gemacht, um verstanden zu werden, sondern um bewohnt zu sein. Und so ging die Frau weiter. Nicht erklärend. Nicht kämpfend. Einfach gehend.

In diesem Märchen lassen sich drei archetypische Symbole erkennen, die eine tiefere Bedeutung tragen. Die Weberin ist kein Mensch, sie ist eine Schwelle. Sie lebt am Waldrand, nicht im Dorf und nicht im Wald. Sie steht dort, wo alte Ordnungen enden und neue noch keinen Namen haben. Psychologisch ist sie die innere weise Instanz, der Teil, der nicht mehr überzeugen muss, die Stimme jenseits von Rechtfertigung. Wichtig ist, dass die Weberin nichts für die Frau entscheidet. Sie nimmt ihr keine Wahl ab. Sie sagt nicht, dieser Mantel sei richtig, sondern beide haben gedient, jetzt wird gewebt. Das ist Reife. Nicht wählen zwischen Gegensätzen, sondern integrieren.

Der Mantel selbst ist kein Schutz vor anderen, sondern Nähe zu sich. Der neue Mantel ist unspektakulär, und genau das ist entscheidend. Er macht nicht sichtbar, er macht bewohnbar. Symbolisch bedeutet das kein inneres Umschalten mehr, keine Rollenwechsel je nach Publikum und keine Erklärungspflicht. Der Mantel sagt: Ich bin hier, unabhängig davon, wer zuschaut. Darum schaut sich die Frau nicht mehr um, wenn Schritte hinter ihr sind. Nicht aus Mut, sondern aus Gegenwärtigkeit.

Der Wald steht für das Ungeordnete, das Wahre, das Lebendige. Er verkörpert Mehrdeutigkeit, Begehren ohne Etikett, Identität in Bewegung und das Leben jenseits sozialer Kategorien. Der Wald ist nicht gefährlich, aber er ist nicht kontrollierbar. Darum gehen Menschen nur ungern hinein und bleiben lieber im Dorf der Eindeutigkeiten. Die Frau jedoch wohnt nicht im Wald und gehört ihm nicht exklusiv. Sie kann ihn betreten und zurückkehren. Das ist Freiheit. Nicht Flucht aus der Welt, sondern Beweglichkeit zwischen Räumen.

Die verborgene Botschaft des Märchens ist leise und klar. Scham löst sich nicht, weil die Welt sich ändert. Sie löst sich, weil die Frau aufhört, sich innerlich zu zerlegen. Nicht mehr die Frage, was zeige ich wem, sondern: Wo stehe ich gerade und bleibe ich dort.

Und wie geht es dir mit der Scham. Im Märchenseminar schauen wir uns immer wieder die verborgenen Botschaften der Märchen an.

Wenn du dabei sein möchtest, melde dich einfach an. Wir freuen uns auf dich und auf deine inneren verborgenen Weisheiten.

 

Herzlichen Gruss

Barbara Prinzing

 

6
Dez.

Magische Stille

Magische Stille

Ein wunderschöner Roman, wo ein Mann sich plötzlich in seinem eigenen Leben fremd fühlt.
Er bricht auf, nicht weil er mutig ist, sondern weil er spürt, dass es so nicht weitergeht.

Seine Reise führt ihn durch Landschaften, die äußerlich rau und innerlich spiegelnd sind:
ein stiller Mönch in den Bergen,
ein alter Hirte, der mehr hört als spricht,
und eine Frau, die ihm zeigt, wie viel Mut im Schweigen liegt.

Doch die eigentliche Bewegung passiert in ihm selbst:
Er lernt, seine innere Unruhe als Wegweiser zu begreifen.
Er entdeckt, dass Stille kein Nichts ist, sondern ein Raum, in dem man endlich sich selbst begegnet.
Und er versteht, dass die Antworten, nach denen er suchte, nie im Außen lagen – sondern im Leisen, das er jahrelang überhört hat.

Viel Freude beim Lesen
Barbara

Das Buch gibt es überall zu kaufen, wie ich gesehen habe 🙂

6
Dez.

Das Schweigen der Tiere

Das Schweigen der Tiere

Russisches Volksmärchen (Afanasjew)

Einst beschlossen die Tiere des Waldes, wer von ihnen der Klügste sei.
Alle redeten durcheinander: der Bär brummte, der Fuchs schimpfte, der Wolf heulte, die Elster schrie.
Keiner hörte dem anderen zu.

Da trat die kleine Schildkröte vor ganz langsam, fast unbeachtet  und sagte nur einen Satz:

„Lasst uns schweigen.“

Die Tiere lachten sie aus.
Doch die Schildkröte blieb still.
Und nach einer Weile verstummten auch die anderen zuerst ungeduldig, dann neugierig, dann friedlich.

Im Schweigen hörten sie plötzlich,
wie der Wind durch die Bäume ging,
wie das Wasser im Bach sang,
wie ihre eigenen Herzen schlugen.

Und sie spürten, was sie vergessen hatten:
Den Wald.
Sich selbst.
Und einander.

Als sie wieder zu sprechen begannen,
hörten sie einander erstmals wirklich zu.

Seitdem so heißt es kehrt der Wald jedes Jahr für einen Augenblick in diese tiefe Stille zurück.
Und wer in dieser Zeit lauscht, findet Antworten, die sonst verborgen bleiben.

Was zeigt uns das Märchen

Das Märchen zeigt, wie Lärm, Meinungen und innere Unruhe verhindern, dass wir uns selbst und die Welt wahrnehmen.
Erst im Schweigen entsteht Kontakt: zur Umgebung, zu den eigenen Gefühlen, zu den anderen.

Die Schildkröte steht für das langsamer Werden, das wir im Alltag verlernen.
Und die Stille wird hier zum Katalysator für Bewusstsein. Sie macht klar, was das Denken im Lärm überdeckt.

Das Märchen erinnert: Wir müssen nicht mehr wissen m wir müssen nur ruhiger werden, um wieder zu hören, was bereits da ist.

Zwei Symbole die ich kurz deuten möchte (Kann auch ganz anders sein )

  1. Die Schildkröte

Symbol für innere Reife, Erdung und Selbstschutz.
Sie zeigt: Weisheit ist nicht laut.
Sie entsteht, wenn wir uns zurückziehen, atmen, Verbindungen spüren.

Die Schildkröte ist die „Lehrerin des Langsamen“

 

  1. Der Wald

Symbol für das Unbewusste.
Wenn die Tiere (unsere inneren Stimmen, Impulse, Ängste) verstummen, wird der Wald wieder hörbar.
Das bedeutet: Im Schweigen wird der Zugang zu tieferen Schichten frei zur Intuition, Erinnerung, Klarheit.

Viel Freude beim Lesen des Märchens

Barbara Prinzing

12
Okt.

Weihnachten in Bullerbü

Weihnachten in Bullerbü

von Astrid Lindgren

Wenn ich Weihnachten in Bullerbü aufschlage, dann öffnet sich eine kleine, heile Welt. Eine Welt, die nach Schnee und Lebkuchen riecht, in der die Fenster mit Sternen geschmückt sind und golden leuchten und Kinder barfuß durch ihre Träume stapfen, obwohl draussen der Frost knistert. Schon nach den ersten Seiten bin ich mitten im schwedischen Dorf Bullerbü, wo Lisa, Lasse, Bosse und die anderen Kinder mit einer Natürlichkeit leben, die heute fast märchenhaft wirkt.

Astrid Lindgren schaffte es immer wider mich an der Hand zu nehmen und sagen: Schau, so einfach kann Glück sein. Ein Schlitten, ein Lachen, eine brennende Kerze, mehr braucht es nicht, um die Welt für einen Moment zum Leuchten zu bringen.

Beim Lesen spüre ich die Wärme, die in dieser Geschichte mitschwingt. Sie kommt nicht aus grossen Gesten, sondern aus den kleinen Dingen: wenn die Kinder gemeinsam den Weihnachtsbaum schmücken, heimlich Geschenke basteln, die Eltern überraschen. Alles geschieht ohne Hast, ohne Perfektionismus. Weihnachten ist hier kein Konsumfest, sondern ein Zusammenrücken. Man spürt, wie stark Gemeinschaft trägt, wie selbstverständlich Geborgenheit entsteht, wenn Menschen sich umeinander kümmern.

Die Illustrationen verstärken dieses Gefühl. Sie sind schlicht, freundlich und offen, eben wie die Gesichter der Kinder selbst. Jede Zeichnung ist wie ein Fenster in eine stille, fröhliche Welt, in der der Schnee fällt, als wäre er extra für dieses Buch gemacht.

Ich lese Weihnachten in Bullerbü nicht nur als Kinderbuch, sondern auch als Erinnerung an etwas, das wir Erwachsene manchmal verlieren: die Fähigkeit, uns zu freuen, ohne Grund. Das Staunen über das Einfache. Das Vertrauen, dass ein Wintertag hell sein kann, auch wenn die Sonne früh untergeht.

Für Kinder ist das Buch ein Fest der Neugier, sie sehen, riechen und fühlen Weihnachten. Für Erwachsene ist es fast wie ein Spiegel: Es zeigt, wonach wir uns sehnen, wenn wir sagen, wir wollen „ein ruhiges, schönes Fest“.

Und so schliesse ich das Buch jedes Mal mit einem leisen Lächeln. Weihnachten in Bullerbü ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Einladung: das eigene Leben wieder ein bisschen bullerbühaft zu machen: einfacher, wärmer, echter.

Barbara

Kaufen kannst du das Buch bei Orell Füssli, Amazon, und in jeder Buchhandlung und vielleicht ist es sogar in deinem Bücherregal 🙂

#Weihnachten in Bullerbü

10
Aug.

Das hässliche Entlein

Das hässliche Entlein

Ein Märchen zur Selbstannahme

Es war einmal ein junges Entlein, das schon bei seiner Geburt auffiel und zwar negativ, weil es nicht so war wie die anderen.
Sein Gefieder war nicht so schön wie das seiner Geschwister. Sein Schnabel schien zu groß, sein Gang zu unbeholfen.
Schon früh bekam es zu spüren: „Mit dir stimmt etwas nicht.“

Die eigenen Geschwister stießen es zur Seite. Fremde Tiere zischten, hackten oder lachten. Und die Menschen?
Sie drehten sich einfach weg.

Das Entlein tat, was viele von uns tun, wenn wir Ablehnung erfahren:
Es versuchte, sich anzupassen.
Es watschelte so wie die anderen, versuchte das gleiche Futter zu mögen, bewegte sich so leise und unauffällig wie möglich.
Doch egal, was es versuchte das Gefühl „Du bist falsch“ blieb.

Der Schmerz wurde groß.
Also tat das Entlein das Einzige, was ihm blieb: Es ging weg.
Weg von den anderen, weg vom vertrauten Teich, hinein ins Ungewisse.

 

Der Winter der Einsamkeit

Der Weg war lang, und der Winter kam.
Kälte, Hunger, Stürme das Entlein kämpfte ums Überleben.
Es war allein, ohne Trost und ohne zu wissen, wohin.

Manchmal wünschte es sich, einfach nicht mehr weiterzumachen.
Doch etwas in ihm, ein leises, unerschütterliches „Trotzdem“ – trieb es an.
Vielleicht war es nicht die Hoffnung, vielleicht war es nur die Weigerung, jetzt schon aufzugeben.

Das Loslassen

Eines Frühlingstages geschah etwas Merkwürdiges.
Das Entlein hörte auf, sich zu vergleichen.
Es kämpfte nicht mehr darum, jemand zu sein, den andere akzeptieren.
Es schwamm einfach ohne Plan, ohne Ziel, nur weil es das Wasser liebte.

Und da, im klaren Wasser eines stillen Sees, sah es ein Spiegelbild.
Doch das Spiegelbild war nicht das eines plumpen, grauen Vogels.
Es war ein Schwan, mit schneeweißem Gefieder und anmutiger Haltung.

Und da begriff es: Es war nie ein Entlein gewesen. Es hatte nur geglaubt, eins zu sein, weil alle um es herum das sagten.

Die Botschaft für uns:

Dieses Märchen von Hans Christian Andersen ist nicht nur eine Geschichte für Kinder.
Es erzählt uns etwas zutiefst Menschliches:

1. Ablehnung sagt oft mehr über die anderen als über dich.
Wenn du nicht ins Bild passt, das andere gewohnt sind, werden sie dich vielleicht ablehnen, nicht, weil du „falsch“ bist, sondern weil sie nur das kennen, was ihnen vertraut ist.

2. Anpassung hat Grenzen.
Du kannst deine Flügel stutzen, dich kleiner machen, leiser reden.
Aber wenn du dafür deine Natur verleugnest, verlierst du dich selbst.
Anpassung kann kurzfristig helfen, langfristig kostet sie dich Freiheit und Lebenskraft.

3. Die Reise zu dir selbst geht oft durch Einsamkeit.
Manchmal musst du Orte, Gruppen oder Situationen verlassen, die dir nicht guttun, auch wenn das heißt, eine Zeit lang allein zu sein.
Diese „Winterphasen“ fühlen sich kalt und karg an, aber sie sind oft der Boden, auf dem neues Selbstvertrauen wächst.

4. Ankommen geschieht im Loslassen.
Der Schwan fand seine wahre Natur nicht durch angestrengtes Suchen, sondern indem er aufhörte, sich zu wehren.
Manchmal entdecken wir unser wahres Wesen, wenn wir aufhören, uns ständig zu fragen, wie wir wirken und stattdessen einfach leben.

 

Eine Übung zur Selbstannahme

Wenn dich diese Geschichte berührt, probiere Folgendes:

Dein „Entlein-Moment
Schreibe auf, wann du dich zuletzt fehl am Platz gefühlt hast. Wer war dabei? Was wurde gesagt oder getan?

Was hast du getan, um dich anzupassen?
Hast du dich zurückgenommen, deine Meinung nicht gesagt, deine Art verändert?

Dein „Schwanenblick“
Frage dich: Was könnte an mir nicht „falsch“, sondern einfach „anders“ sein?

Ein kleiner Schritt
Überlege, wo du heute einen kleinen Moment lang einfach „so sein“ könntest, wie du bist, ohne dich zu verstellen.

Fazit

Das Märchen vom hässlichen jungen Entlein zeigt uns:
Wahre Selbstannahme ist kein Schönreden, sondern das mutige Erkennen der eigenen Natur, selbst wenn die Umgebung sie nicht versteht.

Und manchmal heißt das, eine Zeit lang durchs eigene Winterland zu gehen, um dann am Seeufer zu stehen und zu sagen: „Ich war nie ein Entlein. Ich bin ein Schwan.“

 

Viele Freude beim Lesen
Barbara Prinzing

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