Das Märchen von der Frau mit den zwei Mäntel
Das Märchen von der Frau mit den zwei Mänteln erzählt von einer Frau, die zwei Mäntel trug. Den einen kannte jeder. Er war gut geschnitten und unauffällig und passte zu den Menschen, die sie schon lange kannten. In ihm bewegte sie sich sicher, auch wenn er an manchen Tagen zu eng wurde. Der zweite Mantel war weicher. Er hatte keine klaren Nähte und änderte seine Farbe je nach Nähe. In ihm liebte sie frei. Aber sie trug ihn nur dort, wo keine Zeugen standen. Eines Tages merkte sie, dass sie müde wurde vom Wechseln. Nicht, weil sie sich schämte, sondern weil ihr Körper langsamer war als die Geschichten der anderen. Also ging sie zu einer alten Weberin am Waldrand und fragte, welchen Mantel sie behalten solle. Die Weberin lächelte und sagte: Keinen. Sie nahm beide Mäntel, löste vorsichtig die Nähte und webte daraus einen neuen. Er war nicht spektakulär, aber er wärmte. Als die Frau ihn anzog, verspürte sie zum ersten Mal keinen Drang mehr, sich umzudrehen, wenn Schritte hinter ihr erklangen. Manche Menschen sahen sie an und erkannten sie wieder. Andere erkannten sie nicht. Beides war in Ordnung. Denn der Mantel war nicht gemacht, um verstanden zu werden, sondern um bewohnt zu sein. Und so ging die Frau weiter. Nicht erklärend. Nicht kämpfend. Einfach gehend.
In diesem Märchen lassen sich drei archetypische Symbole erkennen, die eine tiefere Bedeutung tragen. Die Weberin ist kein Mensch, sie ist eine Schwelle. Sie lebt am Waldrand, nicht im Dorf und nicht im Wald. Sie steht dort, wo alte Ordnungen enden und neue noch keinen Namen haben. Psychologisch ist sie die innere weise Instanz, der Teil, der nicht mehr überzeugen muss, die Stimme jenseits von Rechtfertigung. Wichtig ist, dass die Weberin nichts für die Frau entscheidet. Sie nimmt ihr keine Wahl ab. Sie sagt nicht, dieser Mantel sei richtig, sondern beide haben gedient, jetzt wird gewebt. Das ist Reife. Nicht wählen zwischen Gegensätzen, sondern integrieren.
Der Mantel selbst ist kein Schutz vor anderen, sondern Nähe zu sich. Der neue Mantel ist unspektakulär, und genau das ist entscheidend. Er macht nicht sichtbar, er macht bewohnbar. Symbolisch bedeutet das kein inneres Umschalten mehr, keine Rollenwechsel je nach Publikum und keine Erklärungspflicht. Der Mantel sagt: Ich bin hier, unabhängig davon, wer zuschaut. Darum schaut sich die Frau nicht mehr um, wenn Schritte hinter ihr sind. Nicht aus Mut, sondern aus Gegenwärtigkeit.
Der Wald steht für das Ungeordnete, das Wahre, das Lebendige. Er verkörpert Mehrdeutigkeit, Begehren ohne Etikett, Identität in Bewegung und das Leben jenseits sozialer Kategorien. Der Wald ist nicht gefährlich, aber er ist nicht kontrollierbar. Darum gehen Menschen nur ungern hinein und bleiben lieber im Dorf der Eindeutigkeiten. Die Frau jedoch wohnt nicht im Wald und gehört ihm nicht exklusiv. Sie kann ihn betreten und zurückkehren. Das ist Freiheit. Nicht Flucht aus der Welt, sondern Beweglichkeit zwischen Räumen.
Die verborgene Botschaft des Märchens ist leise und klar. Scham löst sich nicht, weil die Welt sich ändert. Sie löst sich, weil die Frau aufhört, sich innerlich zu zerlegen. Nicht mehr die Frage, was zeige ich wem, sondern: Wo stehe ich gerade und bleibe ich dort.
Und wie geht es dir mit der Scham. Im Märchenseminar schauen wir uns immer wieder die verborgenen Botschaften der Märchen an.
Wenn du dabei sein möchtest, melde dich einfach an. Wir freuen uns auf dich und auf deine inneren verborgenen Weisheiten.
Herzlichen Gruss
Barbara Prinzing
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