Es war einmal ein König, und er glaubte, das Einzige, was zählt, ist zu entscheiden.
Er hatte ein ordentliches Reich und gerade Strassen, und seine Befehle waren ganz klar.
Doch irgendwie war es kalt und still geworden, denn die Menschen hatten das Fühlen verlernt, da sie niemand mehr danach fragte.
Eines Tages kam eine Frau von nirgendwoher ins Land. Das Einzige, was sie bei sich trug, war ein Kompass.
Der König fragte sie:
„Wohin zeigt dieser Kompass?“
Die Frau lächelte.
„Nicht nach Norden. Er zeigt nach innen.“
Der König verstand überhaupt nichts.
Doch die Frau begann, mit den Menschen auf eine besondere Art zu sprechen.
Sie hörte zu. Sie stellte Fragen.
Und plötzlich geschah etwas Merkwürdiges:
Die Menschen begannen wieder zu lachen.
Sie begannen, Ideen zu haben.
Und sie begannen, dem König Dinge zu sagen, die sie sich früher nie getraut hätten.
Der König wurde zuerst richtig wütend, doch dann wurde er neugierig.
Eines Abends setzte er sich zu der Frau.
„Was machst du anders als ich?“, fragte er.
Die Frau sagte:
„Du führst mit deinem Schwert. Ich führe mit meinem Ohr.“
Der König schwieg lange.
Dann sagte er:
„Vielleicht braucht ein Reich beides.“
Von diesem Tag an traf der König Entscheidungen –
aber erst, nachdem er zugehört hatte.
Und die Frau stellte Fragen –
aber immer mit dem Mut, auch eine Richtung zu zeigen.
So entstand im Land eine neue Art der Führung.
Nicht mehr die des Königs allein.
Und nicht die der Frau allein.
Sondern die von zwei Kräften, die zusammen stärker waren als jede Krone.
Bei den Brüdern Grimm gibt es den Eisenhans, der dieses Thema erstaunlich gut beschreibt.
In diesem Märchen wird ein wilder Mann im Wald gefangen – der Eisenhans.
Er verkörpert das rohe, ungebändigte Yang: Kraft, Wildheit, Instinkt.
Er wird befreit und macht sich auf die Reise, wo er etwas Entscheidendes lernt, um zu überleben.
Auf dieser Reise lernt er etwas Entscheidendes:
Er muss beide Kräfte in sich entwickeln.
Die Kraft des Eisenhans – Mut, Handlung, Durchsetzung.
Und zugleich das Dienende, Geduldige, Hörende.
Er arbeitet zuerst als Gärtner – eine sehr Yin-hafte Tätigkeit.
Er pflegt, wartet, beobachtet.
Erst später wird er zum Ritter und zum König.
Das Märchen zeigt etwas sehr Schönes:
Ein wahrer König entsteht nicht durch Geburt oder Macht.
Er entsteht durch innere Reifung.
Und diese Reifung geschieht erst, wenn der Mensch lernt, mit den unterschiedlichen Kräften seiner Seele zu leben.
Viel Freude beim Lesen
Der König ohne Krone und die Frau mit dem Kompass / frei erfunden
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