Letzthin bin ich einem Satz begegnet, der nachgewirkt hat.
So ein Satz ist dieser von Helene Lange:
„Wenn das Endziel der Frauenbewegung einmal erreicht ist, so wird es kein führendes Geschlecht mehr geben, sondern nur noch führende Persönlichkeiten.“
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass er eigentlich gar nicht nur politisch gemeint ist. Ich meine, er berührt doch auch etwas Tieferes. Etwas, das mit der menschlichen Psyche zu tun hat, mit unserer inneren Ordnung.
Denn vielleicht geht es gar nicht wirklich um Männer und Frauen.
Vielleicht mehr um die Frage, wie ein Mensch in sich selbst geworden ist.
In der chinesischen Philosophie gibt es das Bild von Yin und Yang. Zwei Kräfte, die oft missverstanden werden. Viele denken dabei an Gegensätze, an ein Entweder-Oder. Doch in Wahrheit beschreibt dieses Symbol etwas viel Feineres: eine Bewegung. Ein Gleichgewicht. Ein lebendiges Zusammenspiel.
Yin steht für das Empfangende, das Zuhörende, das Verbindende.
Yang für das Klärende, das Entscheidende, das Richtungsgebende.
Keine dieser Kräfte ist besser als die andere. Und keine kann ohne die andere wirklich sein und wirken.
Wenn nur Yang da ist, wird Führung hart und kalt.
Wenn nur Yin da ist, fehlt die Richtung.
Erst wenn beide Kräfte zusammenkommen, entsteht etwas, das wir oft intuitiv spüren, wenn wir einem Menschen begegnen: innere Reife.
Ich weiss nicht, ob Helene Lange das auch so gesehen hat.
Dass eine Gesellschaft nicht dadurch reifer wird, dass ein Geschlecht das andere ablöst. Sondern dadurch, dass Menschen lernen, beide Kräfte in sich selbst zu entwickeln.
Die Geschichte der Menschheit war lange stark vom Yang geprägt – von Durchsetzung, Hierarchie, Eroberung, Macht. Die Frauenbewegung hat begonnen, das Gleichgewicht zu verschieben. Sie hat Räume geöffnet für andere Formen von Stärke: Beziehung, Wahrnehmung, Fürsorge, Intuition.
Vielleicht ist der eigentliche nächste Schritt gar nicht mehr der Kampf zwischen den Geschlechtern.
Eher, dass Männer beginnen, ihr Yin zu entdecken.
Und Frauen ihr Yang nicht mehr verstecken müssen.
Dann verändert sich meiner Meinung nach etwas Entscheidendes.
Dann geht es plötzlich nicht mehr darum, wer führt.
Sondern wie ein Mensch führt.
Ob jemand zuhören kann und trotzdem entscheidet.
Ob jemand klar sein kann, ohne hart zu werden.
Ob jemand Verantwortung tragen kann, ohne die Verbindung zu verlieren.
Für mich wirken solche Menschen ganz unspektakulär. Und doch merkt man sofort, wenn sie in einem Raum sind. Da ist eine Ruhe. Eine innere Ausrichtung. Etwas, das nicht aus Rolle oder Position entsteht, sondern aus Persönlichkeit.
Vielleicht ist das die Welt, die Helene Lange gemeint hat.
Wer weiss das schon – und wie siehst du es?
Und hier noch 2 Märchen die dazu passen
Viel Freude beim Lesen
Barbara
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