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«Soll ich die Angst vernichten – oder beschützen?»

«Ich bin mir nicht sicher, was ich machen soll: die Angst vernichten oder beschützen?», fragte Frau M, während sie in Trance war. Sie suchte mich im November 2019 wegen ihrer Prüfungsangst auf.

Zu welcher Handlung würde sich Frau M wohl entscheiden? Ich war gespannt.

Im Hypnosesessel sass eine 35-jährige grossgewachsene Frau mit einer starken und kräftigen Figur. Angst als Problemstellung hätte ich von ihr nicht erwartet. Als sie meine Praxis betrat, wirkte sie selbstsicher und «bodenständig». Man hätte sie gut als Besitzerin eines landwirtschaftlichen Betriebes einschätzen können. Ihre rosige Gesichtsfarbe liess den Eindruck entstehen, als wäre sie oft an der frischen Luft. Die lockigen, braunen, kinnlangen Haare schüttelte sie immer wieder, als sie mir bei dem Vorgespräch von ihrer Prüfungsangst berichtete. Die Abschlussprüfung der Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau habe ihr nichts ausgemacht, aber die kommende mündliche Abschlussprüfung der Pflegeausbildung liess sie nächtelang nicht schlafen – das könne sie einfach nicht verstehen.

«Lerne doch erst einmal einen soliden Beruf, zum Beispiel Kauffrau. In die Krankenpflege kannst Du dann immer noch», hatten ihr ihre Eltern empfohlen. So entschied sich Frau M halbherzig für eine kaufmännische Lehre. Es war ihr egal, ob sie den Abschluss schaffe, teilte sie mir, denn ihr Traumberuf war die Pflegefachfrau. Nun stand sie nach drei Jahren Pflegeausbildung vor den Prüfungen und wusste nicht, wie sie ihre Angst bewältigen sollte. Für sie schien sich durch ihre Angst ihr Berufstraum in Luft aufzulösen.

«Die Angst ist eine starke Emotion, und Emotionen lassen sich nur mit Emotionen auflösen» (Priess, 2019, S. 169), dieser Satz von Frau Dr. Mirriam Priess fiel mir ein, während mir Frau M von ihrem Problem berichtete. Also wollte ich gleich für sie, während der Trance, eine Möglichkeit kreieren, mit ihrer Emotion in Verbindung zu treten. Gleichzeitig war es mir als ehemalige Pflegefachfrau ein Anliegen, dass sie ihr Ziel erreichen würde.

Als die Klientin im Hypnosesessel Platz genommen hatte, nahm sie eine für sie angenehme Position ein. Die Augen bat ich sie, noch offen zu halten. Ihre Unterschenkel und Füsse lagen bequem und mit einer weichen Decke zugedeckt, auf der Fussstütze des Sessels. Ich teilte ihr mit, dass sie während der Hypnose in der Lage sein werde, Fragen zu beantworten, wenn ich sie darum bat. Da wir als Therapeuten in der Hypnose mit dem Unterbewusstsein arbeiten und dieses die förmliche Anrede «Sie» nicht kennt, erklärte ich Frau M, das ich während der kommenden Übung die vertrauliche Anrede «Du» verwenden» möchte, wenn ihr das recht sei – sie lächelte und meinte «das können wir auch gerne beibehalten».

«Lass nun Deinen Atem ganz von selbst kommen und gehen, Dein Körper macht dies ganz von selbst», bat ich R, Anfangsbuchstabe des Vornamens von Frau M. Ich sah, dass ihr Körper mehr und mehr in den Sessel sank. Ihre Augen hielt sie immer noch geöffnet. Als Induktion wählte ich die visuelle Methode (Prinzing, 2017) und liess sie, nach dem ihre Augenlider immer schwerer wurden, die Augen schliessen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit dieser Methode die Klienten am besten in die Trance führen kann.

«Während Du meine Stimme hörst, erlaubst Du Dir, bei jedem Atemzug etwas mehr zu entspannen», führte ich die Klientin weiter in die Trance. Dies ist eine Formulierung nach dem Milton Erickson Modell – eine Sammlung von Sprachmustern der hypnotischen Sprache. Nach diesem Sprachmuster ist die Formulierung in der Hypnose subtiler und unspezifischer als zum Beispiel bei Freud: statt «entspanne Dich» wird gesagt «vielleicht kannst Du noch etwas mehr entspannen. So wird der Klient in das Ziel hineingeführt. Er erlebt dies durch alle Sinneskanäle: Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen, Wahrnehmen und Tasten» (Prinzing, 2020). Die Gesichtszüge der Klientin entspannten sich merklich und ihre Atmung wurde immer tiefer und gleichmässiger.

«Du stehst nun auf einer Rolltreppe, die sich langsam hinunterbewegt – Meter für Meter führt Dich die Rolltreppe weiter, es wird dunkler, ruhig und angenehm warm und Du wirst entspannter und entspannter» führte ich R als Vertiefung der Induktion weiter. Sie lag vollkommen entspannt in dem Sessel, ihr Mund war leicht geöffnet.

In der nachfolgenden Interventionsbeschreibung stellen die «-« meine Sprechpausen dar.

«Die Rolltreppe hält und Du tritts einen Schritt voran, von der Treppe – vor Dir siehst Du eine Türe – sie ist geschlossen. Sieh Dir die Türe an – aus welchem Material ist sie – vielleicht möchtest Du sie anfassen – Du öffnest die Türe und betrittst einen Raum – er ist dunkel – und es riecht nach verbranntem Holz – Deine Augen benötigen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen – der Raum scheint leer zu sein – an der rechten Wand siehst Du die Umrisse eines Ofens – darin glimmt noch etwas Glut und kleine Flammen flackern auf – in der Mitte des Raumes steht ein Amboss mit einem Hammer – Du lässt Deinen Blick durch den Raum schweifen – und betrachtest auch die Ecken des Raumes – sie sind leer – nein, halt – in der linken Ecke ist etwas – Du bewegst Dich darauf zu – kommst näher – und näher – und siehst etwas kleines und dunkles in der Ecke kauern – dort sitzt sie – Deine Angst – mit ihren dunklen Augen sieht sie Dich an und beginnt – zu zittern, – denn sie ist entdeckt»

Der Atem von R wurde etwas schneller, und ich fragte sie «was empfindest Du, wenn Du Deine Angst siehst?»

R schluckte und antwortet «ich habe sie mir grösser vorgestellt, nicht so klein und schon gar nicht so zusammen gekauert».

So fuhr ich fort «Du gehst weiter auf die Angst zu – bückst Dich – und nimmst sie in Deine Hände – wie fühlt es sich an?»

Der Gesichtsausdruck von R scheint überrascht zu sein, ihre Augenbrauen heben sich leicht und sie neigt den Kopf etwas zur Seite. «Seltsam, warm und weich», antwortete sie, «und sie wehrt sich gar nicht».

Ich führte R weiter: «Gehe nun langsam zum Amboss mit dem Hammer – und lege die Angst auf den Amboss – mit dem Hammer kannst Du Deine Angst vernichten». In diesem Moment rannen R Tränen über ihr Gesicht und sie schluckte «ich weiss gar nicht, ob ich meine Angst vernichten, oder beschützen soll». Da war ich überrascht – damit hatte ich nicht gerechnet und meine Überraschung zwang mich zu einer längeren Pause, die R scheinbar guttaten, um eine Entscheidung treffen zu können. «So, jetzt habe ich mich von meiner Angst verabschiedet und werde sie zerschlagen» hörte ich R zu meinem Erstaunen sagen und sah, dass sich ihr ganzer Körper etwas anspannte und die rechte Hand leicht zusammenzog. Dann entspannte sich ihr Körper wieder.

«Dort liegt sie nun Deine Angst – in kleine Stücke zerschlagen -was möchtest Du nun mit Deiner zerschlagen Angst machen?» fragte ich R. Sie schien einen Moment zu benötigen, um diese Frage beantworten zu können, dann antwortete sie «ich werfe die Stücke in die Glut, die im Ofen ist». Ich wartete einen Moment und sagte «Deine Stücke der Angst hast Du nun der Glut und den Flammen übergeben – siehe, was nun daraus entsteht – viele unzählige goldene Funken von Kraft und Zuversicht sind durch das Feuer aus der Angst entstanden und tanzen durch den Raum – und während auch Funken davon auf Deinen Körper fallen, breitet sich eine grosse Freude, Ruhe, Kraft und Wärme in Deinem ganzen Körper aus – und wird Dich von nun an begleiten». Während ich dies sagte, entstand ein Lächeln auf dem Gesicht von R und ihr Körper war wieder entspannt. Ich liess ihr noch einen Moment Zeit, bevor ich sie in die Aufwachphase führte:

«Langsam wendest Du Dich nun der Türe zu, durch die Du in den Raum gekommen bist – stehst wieder an der Rolltreppe, die Du betrittst – sie bewegt sich nun nach oben – und von Moment zu Moment fühlst Du Dich frischer – und wacher – Du atmest ruhig ein und aus – und fühlst jetzt wieder den Sessel, in dem Du sitzt».

Hier liess ich R Zeit, aus der Trance zurück zu kommen und wartete einen Augenblick, als sie die Augen geöffnet hatte. Sie sah erschöpft, aber zufrieden aus.

«Ich hätte nie gedacht, dass ich Mitleid mit meiner Angst haben könnte, aber jetzt ist aus ihr etwas Gutes geworden», teilte mir R mit.

Wir vereinbarten im Nachgespräch, dass sich R bei mir meldet, wenn sie vor der mündlichen Prüfung noch einen Termin benötigen sollte. Sie meldete sich erst wieder nach der Prüfung und teilte mir freudig mit, dass sie diese soeben mit «sehr gut» bestanden hatte.

Auch wenn die Klientin ihr Ziel erreicht hat, frage ich mich im Nachhinein, ob ich die Klientin zu sehr geführt und in ihrer Kreativität eingeengt habe. Amboss, Hammer und Ofen waren von mir in der Geschichte bewusst gewählt, damit es zu eine «Vernichtung der Angst» kommen konnte. Aber vielleicht hätte R andere Ressourcen in sich entdeckt, denn «der Therapeut hilft dem Klienten, seine eigenen Assoziationen, Erinnerungen und Lebenspotentiale für die Erreichung der eigenen therapeutischen Ziele nutzbar zu machen. Die Suggestion in der Hypnose kann den Gebrauch der eigenen Ressourcen, die in einem stecken, erleichtern» (Erickson, 2020, S. 13).

Sollte ich diesen Text, wie ich ihn bei R verwendet habe, nochmals bei einer ähnlichen Problemstellung einsetzen, würde ich die Klienten beschreiben lassen, welchen Ort sie sehen, nachdem sie durch die Tür getreten sind, wie ihre Ängste aussehen und sich anfühlen. Mit ihren genannten Bildern, also mit ihren ureigenen, wiederentdeckten Ressourcen, können sie dann mit ihren Ängsten machen, was ihnen in diesem Moment entspricht.

 

Quellen:

  • Erickson, Milton H., Rossi Ernest (2020). Hypnosetherapie, Aufbau – Beispiele – Forschungen. (13. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta
  • Priess, Mirriam. (2019). Resilienz, so entwickeln Sie Widerstandskraft und innere Stärke. (1. Aufl.). München: Goldmann
  • Prinzing, Barbara. (2017). Basismodul 1. Aarau: Institut für Ganzheitliche Methodik
  • Prinzing, Barbara. (2020). Basismodul 3. Aarau: Institut für Ganzheitliche Methodik (online-Kurs)

 

 

Margrit Cofalka                                                                                                   Steffisburg, 14. Februar 2021

Bild von Mariya 🌸🥀🌻🎋🌷🌹💐🌼 auf Pixabay

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