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Vom Wert des Wertens

Immer wieder höre ich den Satz: „Du sollst nicht werten.“

Werten bedeutet ja, dass ich etwas wichtiger oder besser oder gesünder finde als etwas anderes. Ist es nicht etwas ganz normales, dass jeder Mensch eine solche Werteliste in sich trägt? Ob sie nun angelernt, kulturell bedingt oder einfach aus der Erfahrung gewachsen ist, sei mal dahingestellt. Stelle dir doch selber einmal kurz die Frage, wie deine Werteliste aussieht in Bezug zu Arbeit, Partnerschaft, Familie, Freunde, Sport, Gesundheit, Essen, Erholung, Urlaub, Kreativität, Musik Ehrlichkeit, Geld, Liebe, Offenheit, Freiheit, etc. Du kannst die Kategorien beliebig erweitern, wenn etwas fehlt. Stelle einfach einmal eine Liste der Bereiche auf, welche für dich wichtig sind.

Ein Beispiel

1. Freizeit
2.Sport
3.Musik
4.Arbeit
5.Partnerschaft

Ja, und schon bist du mitten im Programm des Wertens. Es geht doch folglich gar nicht ohne zu werten. Vielleicht meint der Satz: „Du sollst nicht werten“auch etwas ganz anderes?

Zum Beispiel: Verurteile weder deine eigene Wertung noch die der anderen, sondern schaue einfach im Wechselspiel von Abstand und Nähe, was es bedeutet, gewissen Werten den Vorrang oder Raum zu geben.

Doch wie können wir unseren Kommunikationsfluss so gestalten, dass wir zwar werten, ohne jedoch zu verurteilen? Sicher ist hier die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg eines der hilfreichsten Konzepte.

Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Mit Hilfe der GFK lernen wir so miteinander zu reden, dass wir zwar unseren Standpunkt (Wertung) mitteilen und beibehalten, jedoch auch den anderen Standpunkt unseres Gesprächspartners gelten lassen können. Der Kommunikationsfluss führt so zur Wertschätzung des Standpunkts anderer. Dies wiederum fördert das Vertrauen und die Freude an der offenen Kommunikation. Eine wertschätzende Beziehung kann auf diese Weise entstehen, und durch diese entstehen natürlich mehr Kooperation und Kreativität. Eine grosse Rolle spielt hier die Empathie. Unter Empathie oder Einfühlungsvermögen versteht man die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in andere Menschen einfühlen zu wollen und können.

Wenn wir also unsere Meinung kundtun, nach den Richtlinien der GFK, so bringen wir unseren Standpunkt zum Ausdruck, ohne dabei den Anspruch auf dessen alleinige Richtigkeit zu haben. In einer solchen Haltung kann sich das Gegenüber für seinen eigenen Standpunkt öffnen und ihn ebenso empathisch vorbringen und vertreten.

Im Falle eines Meinungsaustausches handelt es sich folglich um Austausch auf gleicher Augenhöhe, was nicht irritierend, sondern als durchaus inspirierend wahrgenommen wird. Dies ist nur möglich, wenn wir ohne vorgefasste Meinungen und Urteile dem Gegenüber begegnen. So können wir den Mitmenschen immer wieder in neuem Licht sehen und ihn so neu entdecken. Dies ist die kostbare Basis für eine entwicklungsfähige Beziehung. Ebenfalls entscheidend für eine GFK ist das Gewahrsein des Hier und Jetzt, also der Präsenz. Unser Fokus wird ganz auf das Erleben des Gegenübers im jeweiligen Augenblick gerichtet. Man selbst bleibt ganz in der eigenen Mitte. Aus der eigenen Mitte bringen wir weder die Vergangenheit noch die Zukunft ins Spiel. Wir sind ganz da, verbunden mit uns selbst und unseren Mitmenschen.

Ein zusätzlicher wesentlicher Aspekt entsteht:

Nichts muss jemals wieder persönlich genommen werden, wenn jemand eine andere Meinung vertritt. Denn das Schöne ist, dass keinerlei Urteil mehr im Spiel ist, dass nur die eigene Wertung die Richtige sei. Weder eine Auf- noch Abwertung. Die Kommunikation befindet sich also auf der Sachebene und wird idealerweise in Ich-Botschaften formuliert: Marshall B. Rosenberg beschreibt dies kurz so: «Wenn ich sehe, dass du A tust, fühle ich B, weil ich das Bedürfnis nach C habe. Deshalb bitte ich dich, D zu tun. Wie wäre dies für dich?»

Daraus ergeben sich folgende Regeln

(nach Anja Stiedl, 2016, Agile Coach):

Beobachtung: Man konzentriert sich einmal nur auf die reine Beobachtung der konkreten Handlung, die in dieser Situation geschehen ist. Dabei wird bewusst verzichtet auf Bewertungen und Interpretationen.

Gefühle: Im Anschluss hinterfragt man, welche Gefühle mit dieser Handlung ausgelöst werden.

Bedürfnisse: Bedürfnisse sind allgemeine Werte oder Wünsche, die vermutlich jeder Mensch gerne hätte, das eine stärker, das andere weniger. In diesem Schritt erarbeitet man, welche Bedürfnisse in der Situation erfüllt oder – bei negativen Gefühlen – eben nicht erfüllt wurden.

Bitte: Zuletzt formuliert man eine Bitte, mit der man beim Konfliktpartner um eine konkrete Handlung anfragt, um das eigene, unerfüllte Bedürfnis zufrieden zu stellen.

Als Beispiel eine Mutter zu ihrem Sohn (im Teenager-Alter):
«Wenn du jeden Abend bei deiner Heimkehr deine Sachen in den Flur wirfst, bin ich enttäuscht und erschöpft, denn ich habe die ewige Aufräumerei satt und ein Bedürfnis nach Ordnung und Harmonie in unserem Zuhause. Kannst du dich bitte in Zukunft darum kümmern, dass du die Ordnungsregeln bei uns zuhause einhältst?»

Die Bitte mit klarer Ansage der zu erfüllenden Erwartung ist sicher auch ein zentraler Baustein, dass Werten ohne Verurteilen geht und wir auf eine gewaltfreie und konstruktive Kommunikation befinden.

Sylvie GloorBarbara Prinzing

 

Bild von Nattanan Kanchanaprat auf Pixabay

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